Ein Einstieg aus dem echten Leben
Es ist 8:15 Uhr. Du sitzt mit deinem Kind auf einer kleinen Bank im Kita-Flur. Die Jacken riechen nach Herbst, irgendwo plärrt ein Wasserkocher, und vor euch stehen winzig kleine Hausschuhe, die plötzlich aussehen wie der größte Schritt der Welt.
Dein Kind klammert sich an dich, den Kopf tief in deine Schulter gedrückt. „Papa, komm mit.“
Und du merkst: Es ist nicht nur sein Abschied. Es ist auch deiner.
Dieser Moment ist für viele Väter der Moment, an dem Elternschaft auf einer neuen Ebene beginnt: weniger theoretisch, weniger planbar – dafür zutiefst emotional und unmittelbar.
Eingewöhnung heißt nicht, dein Kind loszulassen – sondern es beim Loslassen zu begleiten.
Warum Väter für die Eingewöhnung wichtig sind
Viele Kitas sind überrascht, wenn Väter die Eingewöhnung übernehmen. Nicht, weil sie es nicht dürfen – sondern weil es immer noch ungewohnt ist. Umso wichtiger ist es, dass du sichtbar wirst. Denn Väter bringen eine ganz eigene Qualität in diese Übergangsphase ein.
Kinder profitieren von Vätern, weil sie…
- oft Ruhe und Stabilität vermitteln
- klare, einfache, wiederholbare Signale geben
- auf ihre eigene, authentische Weise trösten
- Sicherheit vermitteln, ohne viel Worte zu brauchen
Viele Väter unterschätzen, wie sehr ihre Präsenz wirkt.
Ein Blick, eine ruhige Hand, ein klarer Satz – das reicht oft, um ein 2- oder 3-jähriges Kind emotional zu verankern.
Wenn du ruhig bleibst, kann dein Kind mutig sein.
Und gleichzeitig lernen Kinder:
„Papa kann mich halten. Papa kann Neues mit mir entdecken.“
Es entsteht ein Neubild von Vatersein – eines, das Nähe, Zärtlichkeit und Stärke miteinander verbindet.
Was Kinder in der Kita-Eingewöhnung wirklich brauchen
Die ersten Kita-Tage sind ein emotionaler Rollercoaster: Die Welt wird größer, bunter und unvorhersehbarer. Es kann gut sein, dass dein Kind beides zeigt: große Neugier an all dem Neuen und Spannenden einerseits und Vorsichtig und Überforderung andererseits. Das ist ganz normal und darf beides sein.
Das heißt insgesamt für diesen neuen Lebensabschnitt: Dein Kind braucht Orientierung und Nähe – nicht das Abarbeiten eines starren Ablaufplans.
Konkret kann das zum Beispiel bedeuten:
- klare, kleine Rituale, die Wiedererkennbarkeit schaffen – zum Beispiel das Kuscheltier im Buggy, der immer gleiche Weg zur Kita oder eine Runde Schaukeln nach der Kita
- sanfte Übergänge, statt abrupter Abschiede
- eine zuverlässige Bezugsperson, die bleibt, solange es notwendig ist
- Zeit zum Beobachten, bevor sie sich einlassen. Manche stürmen direkt los ins wilde Treiben – andere wollen erst einmal schauen und mit den Augen entdecken. Beides ist ok – du solltest dein Kind zu nichts drängen.
- sprachliche Begleitung, die Gefühle benennt („Du bist traurig. Das ist okay. Ich bleibe hier.“)
Kinder sind nicht „anhänglich“, weil sie unsicher sind. Sie sind anhänglich, weil Bindung ihr Grundbedürfnis ist.
Oft haben wir Sätze im Kopf wie „mein Kind klammert so und will immer wieder zu mir“. Das ist ein total normales Verhalten. Denn ein sicher gebundenes Kind „tankt nach“ und holt sich die Nähe und Verbindung, die es gerade braucht, um sich dann wieder (ein Stück) zu lösen.
Hilfreiche Sätze, die in der Eingewöhnung zum Einsatz kommen könnten:
- „Ich bleibe bei dir, solange du mich brauchst.“
- „Du darfst traurig sein. Ich bin hier.“
- „Ich komme wieder – und du kannst mir vertrauen.“
Diese Sätze schaffen ein Gefühl von Kontrolle in einer Situation, die sich für Kinder riesig anfühlt.
Und was du als Vater brauchst
Auch für viele Väter ist dieser Übergang mitunter eine emotionale Herausforderung. Denn schließlich lässt du dein Kind jetzt los. So musst auch du mit der “Trennung auf Zeit” zurecht kommen.
Das kann dich schon mal an deine emotionale Grenzen bringen. Nur selten sprechen Väter darüber.
Es ist oft ein unsichtbarer Balanceakt zwischen:
- der eigenen Angst, etwas falsch zu machen
- der Erwartung, stark sein zu müssen
- der Sorge, das Kind könnte leiden
- dem Wunsch, es einfach gut zu machen
Und dann ist da noch die Frage:
Was, wenn ich selbst nicht loslassen kann?
Es ist vollkommen okay, wenn du…
- innerlich angespannt bist
- dich fragst, ob das Tempo richtig ist
- dich zwischen Arbeit und Betreuung zerreißbar fühlst
- selbst einen Kloß im Hals hast
Du tust dir in diesem Prozess der Loslösung einen großen Gefallen, wenn du deine Gefühle nicht als Hindernis wahrnimmst – sie sind ein Kompass und zeigen dir, was gerade los ist.
Elternschaft bedeutet (auch), dem Kind Flügel zu geben – aber nicht die Verantwortung, gleich zu fliegen.
Wenn der Abschied schwer fällt
Es gibt keine Standarddauer für eine gute Eingewöhnung. Und es gibt nicht den einen “Trick”, der alles schwierige wegzaubert. Jedes Kind besitzt sein eigenes Tempo – und jedes hat ein Recht darauf.
- Manche Kinder brauchen 4-6 Tage, um Vertrauen zu fassen.
- Andere brauchen 2–3 Wochen oder länger.
- Beides ist normal.
- Beides ist gesund.
- Beides ist Bindung.
Entscheidend ist nicht der Zeitrahmen, sondern deine Haltung:
- ruhig
- liebevoll
- klar
- wiederholbar
Grundsätzlich kann dir als Orientierung helfen:
Abschied kurz. Wiedersehen groß.
Das klingt einfach – ist aber die wichtigste Brücke, die du bauen kannst.
Väter gestalten Übergänge
Die Kita-Eingewöhnung ist nicht nur ein Übergang für dein Kind.
Es ist auch ein erster großer Loslösungsprozess in deinem Leben als Vater. Das ist für euch alle eine aufregende und bewegende Zeit. Wenn du dich darauf einlässt und ganz bei dir und deinem Kind bleibst, kannst du nur profitieren.
Du schenkst deinem Kind nicht nur Sicherheit – du schenkst ihm ein Modell dafür, was emotionale Stärke bedeutet.
Ein Kind, das sicher starten darf, kann selbstbewusst wachsen.



